VAZ 3.3.26: „Hat gezeigt, wie machtlos ich bin“

Schafhalter von Odeweg will nach erneuter Wolfsattacke Herde aufgeben

Von einer Wildkamera unweit Odewegs eingefangen: Ein blutverschmierter Wolf nach den Attacken auf eine Schafherde. © Bunke

Odeweg – Am Morgen danach hatte er Entscheidungen gefällt. „Ich stelle mir ein Schild vor. Auf dem werde ich abgebildet sein, und daneben ist ein Schriftzug zu sehen“, sagt der Schafhalter von Odeweg, sagt Heiner Gerken. „Auf dem Schild steht: Ich gebe auf!“ Zum zweiten Male innerhalb eines Vierteljahres wurde seine Herde von einem Wolfsrudel attackiert. „Es macht einfach keinen Sinn mehr.“

Am Montagmorgen ist das Ausmaß immer noch nicht vollständig geklärt. 17 gerissene Schafe habe er bisher gezählt, sagt Gerken, meist hochtragende Mutterschafe, nahezu vollständig ausgebildete Lämmer hingen ihnen aus der Seite. „Das sind Bilder, die man nicht aus dem Kopf kriegt.“ Darüber hinaus fünf verletzte Tiere. „Sie sind ärztlich versorgt, ob sie durchkommen steht noch nicht fest.“ Drei weitere würden noch vermisst. „Sie dürften sich im Umkreis von fünf Kilometern aufhalten, wenn sie noch leben.“ Bis zehn Uhr abends haben sie nach ihnen gesucht, dann haben sie vorläufig aufgehört. In einer weiteren Schafhaltung in Brunsbrock wurden ebenfalls am Sonntagmorgen drei Muttertiere gerissen, lediglich ein Viertes überlebte, und dessen in der Nacht geborenes Lamm.

Im Grunde war der Entschluss zur Aufgabe der Herde schon am Sonntagmorgen gereift, schon gleich nach dem Eintreffen Gerkens an der Schafweide. Die Tiere bereits in alle Himmelsrichtungen versprengt, er begab sich auf die Suche. „Vier habe ich in einem nahen Graben entdeckt. Drei schon tot, eines lebte noch, ich habe versucht, es zu retten.“ Eine Herkulesaufgabe. „Das Fell hatte schon viel Wasser aufgesogen, das Tier war sehr schwer, aber irgendwann hatte ich es doch den Uferhang hinaufgehievt.“

Und gleich der nächste Schreckensmoment. Plötzlich löste sich ein Wolf aus der nahen Schonung, er trottete in Richtung Graben. „Richtig wehren hätte ich mich nicht können. Ich hatte nur einen Stock zur Hand“, sagt Gerken. Also ergriff er die Flucht. „Das hat mir gezeigt, wie machtlos ich bin.“ Dabei sagte er dem zugewanderten und sich ausbreitenden Raubtier nach der ersten Attacke im Advent noch den Kampf an. „Ich hab‘ 30.000 Euro in den Herdenschutz investiert“, so Gerken. Höhere Netze hatte er seinen Schafen spendiert, höhere Zäune. Um die 90 Zentimeter sind vorgeschrieben, er liegt bei 105, manche noch höher. „Ich habe das genommen, was ich gerade noch tragen konnte.“ Und dann habe er Sonntag für Sonntag den Schutz nachgebessert, egal wie kalt es war. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. „Wenn eine panische Herde mit allen Tieren auf einen kurzen Zaunabschnitt drückt, dann hält nichts mehr stand.“ Freie Bahn also für die Schafe, freie Bahn auch für die Wolfsmeute. „Die Wölfe lernen dazu. Jetzt bliebe ihm als letzte Lösung nur noch der Einsatz von Herdenschutzhunden. „Da genügt nicht nur ein einziger. Es müssen mehr her, und auch nicht nur ein paar schöne Tage im Sommer, sie müssen immer zur Verfügung stehen.“ Er habe das durchgerechnet, sagt Gerken. „Dann lohnt die ganze Schafhaltung nicht mehr.“

Für ihn ohnehin eine Gleichung mit sinkenden Erlösen. Zu Spitzenzeiten nannte er 1000 Tiere sein Eigen. Im vergangenen Dezember waren es noch 150, nach der ersten Wolfsattacke noch 130. Davon befanden sich jetzt 80 tragende Mutterschafe auf der Weide, 50 weitere hatten bereits gelammt und stehen im Stall. Jetzt ist die Herde bei gut 100 angekommen. „Das ist existenzbedrohend.“ Er benötige eine bestimmte Tierzahl, um gegenüber den Behörden eine ausreichende Beweidung nachweisen zu können.

Ihm bleibe daher nur das Aufgeben. „Ich kann ja nicht Tiere nachkaufen, nur um den Wolf zu füttern“, sagt er. Er wolle jetzt auf eines der Inserate in Landwirtschaftszeitungen reagieren. „Kaufe sofort“, heißt es da. Natürlich erziele er nicht den Preis, den er haben müsse, aber die Schafhaltung stand ohnehin mit sinkender Zahl schon Spitz auf Knopf. „Wenn ich ausfalle, wäre niemand da, der die Tiere versorgen kann“, sagt Gerken. Bei allen Niederschlägen, die er in den vergangenen Stunden erlebte – eines habe ihn aufgebaut. „Ich kann mich nur bei der Dorfgemeinschaft bedanken. Sie haben mir in den Momenten, in denen ich kopflos durch die Gegend gelaufen bin, da haben sie mir sehr zur Seite gestanden.“ Ob das Bergen toter Tiere, ob die Suche nach den vermissten Schafen, den ganzen Tag und darüber hinaus, das sei gewiss nicht selbstverständlich. Der Wolf hat damit eine der beiden großen Herden im Landkreis Verden verdrängt. Eine nächste weidet bei Langwedel, dies allerdings zwischen Autobahn und Weser, und damit zwischen zwei Hürden, die nicht so leicht zu überwinden sind.

Heiner Gerken indes steht die schwerste Aufgabe noch bevor. Die Kadaver sammeln sich auf einem Anhänger auf der Weide. „Damit werde ich losfahren müssen, und sie am Ende von Hand umladen.“ Kurz vor Weihnachten war er schon mal in einer solchen Mission unterwegs. „Das sind die schlimmsten Momente.“

HEINRICH KRACKE