Landkreis Verden. Unvermittelt bleibt Antje Dahlweg stehen und hebt den Kopf. Normalerweise ist es Hündin Inga, die auf dem matschigen Waldweg in Fischerhude auf jedes Geräusch reagiert. Doch das Gezwitscher in den Baumkronen interessiert die Chefin deutlich mehr als den Hund. „Das sind Schwarzspechte“, sagt Dahlweg. Zwei, nein, drei Exemplare flattern aufgeregt hin und her. So viele auf einem Fleck sehe man nicht oft, meint die Jägerin. Die Schwarzspechte ahnen nicht, dass auch sie etwas Ungewöhnliches zu sehen bekommen.
Antje Dahlweg ist kürzlich zur Vorsitzenden der Jägerschaft im Landkreis Verden gewählt worden. Eine Frau an der Spitze des Vereins, das gab es noch nie, ist aber doch selbstverständlich. Zumindest für die Jäger. Die Wahl fiel einstimmig aus. Nicht ein Mitglied brachte bei der Jahreshauptversammlung Zweifel an der Kandidatin zum Ausdruck. Am meisten Überzeugungsarbeit musste die 55-Jährige bei sich selbst leisten. Die Entscheidung, für das Amt zu kandidieren, fiel ihr alles andere als leicht.
„Ich habe sehr lange überlegt“, sagt sie. Denn das Ehrenamt, für das es laut Dahlweg keine Entschädigung gibt, kostet nicht nur viel Zeit. „Da steht man auch im Zentrum der Kritik“, sagt sie. Zuletzt hatte die Verdener Jägerschaft 2023 vor allem in sozialen Netzwerken den Zorn radikaler Tierschützer zu spüren bekommen, die die Jagd grundsätzlich ablehnen. Aufmerksam geworden auf die Verdener Jäger waren die Verfasser der mitunter beleidigenden Kommentare, weil die Waidleute für den Deutschen Engagementpreis nominiert waren.
Auf so etwas muss Antje Dahlweg sich einstellen. Und sie muss bereit sein, es auszuhalten, auch wenn sie die Kritik an den Jägern – gerade von Tierschützern – nicht nachvollziehen kann. Zum einen, weil die Jagd für sie nur einen kleinen Teil ihrer Tätigkeit ausmacht. Zum anderen, weil sie das kontrollierte Schießen bestimmter Tiere zum Erhalt der Artenvielfalt für notwendig hält.
Schon als Kind bei der Jagd
Antje Dahlweg zeigt auf die Landschaft in der Wümmeniederung, auf Wälder, Wiesen und Weiden, Wege und Wasserläufe. „Hier wird alles mehrfach genutzt.“ Es gelte, die Bedürfnisse möglichst aller Tiere unter einen Hut zu bringen. „Wer heute noch glaubt, dass sich die Natur von alleine regelt, der darf gerne mal mit einem Jäger zusammen in die Natur gehen und die Realität betrachten“, sagt sie. „In einer Kulturlandschaft wie der unseren ist dieses Märchen lange auserzählt.“
Zur Jagd ist Antje Dahlweg früh gekommen. Der Vater war „passionierter Jäger“, der Großvater Revierförster. „Ich bin schon immer mitgegangen“, sagt die Fischerhuderin. Trotz dieser Prägung hat sie aber lange keine Ambitionen, in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu treten. Das ändert sich 2017, als sie beruflich etwas kürzertritt. „Mein Mann hat mich einfach zur Prüfung angemeldet“, sagt Dahlweg. Nach dem spät, aber erfolgreich abgelegten Jägerabitur nimmt das Schicksal seinen Lauf. Dahlweg tritt der Verdener Jägerschaft bei und wird dort schnell Schriftwartin. „Ich habe gemerkt, dass es hier – wie in allen Vereinen – viele Möglichkeiten gibt, zu unterstützen“, sagt die 55-Jährige. Bald übernimmt sie die Leitung des Hegerings Achim und empfiehlt sich dort offenbar für weitere Aufgaben. Denn als die Frage auftaucht, wer die Nachfolge des langjährigen Vorsitzenden Jürgen Luttmann übernehmen kann, fällt schnell der Name Antje Dahlweg.
Aus ihrer Zeit als Hegeringleiterin sticht das Hochwasser um den Jahreswechsel 2023/2024 heraus. Dahlweg erzählt, wie Rehe, die sich gerade aus dem Wasser gerettet hatten und entkräftet am Deich lagen, von freilaufenden Hunden zurück in die Fluten gejagt wurden. Sie habe die Halter daraufhin angesprochen und festgestellt, dass der Grund für das Verhalten von Hund und Herrchen Unwissenheit war. „Wir haben da ganz viel Aufklärung betrieben“, sagt Dahlweg. Und die Menschen hätten sich eigentlich immer dankbar und einsichtig gezeigt.
Schließlich erarbeiteten die Stadt Achim und der Hegering gemeinsam einen Plan für künftige Hochwasser. Wenn die Weser wieder über die Ufer tritt, sollen bestimmte Bereiche der Marsch abgesperrt werden, um den flüchtenden Wildtieren Rückzugsräume zu geben. „Das bedeutet für mich Interessenvertretung“, sagt die neue Vorsitzende der Verdener Jägerschaft. „Wir Jäger sind die Anwälte der Tiere. So habe ich das gelernt.“
Felix Gutschmidt