VAZ 20.4.2026: „Zwischen Hochsitz und Hassnachricht“

Abschied nach 19 Jahren: Jürgen Luttmann über Verantwortung für die Natur

Offene Worte im Forst: Der ehemalige Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Jürgen Luttmann, erzählt von Hoch- und Tiefpunkten in seinen 19 Jahren im Amt. © Raczkowski

Verden/Heins – Nach 19 Jahren an der Spitze hat der 70-jährige Jürgen Luttmann den Vorsitz der Kreisjägerschaft abgegeben. Wir haben uns mit dem Verdener unterhalten, über sein Engagement, über Anfeindungen im Internet und die Verantwortung, die der Mensch für die Natur trägt.

Die Frühlingssonne steht tief über der Jagdhütte, als Luttmann von seinem Engagement erzählt. Zwischen noch kühler Luft und einem Blick über erste Frühlingsblüher und Zitronenfalter macht er deutlich, was ihm dieser Ort bedeutet: „Der Kauf dieser Hütte, das war die beste Investition. Für mich ist es der pure Luxus, so viel Zeit hier draußen verbringen zu können.“ Wohnen will der ehemalige Kreisjägermeister weiterhin mitten in Verden. „In meinem Alter ist es gut, wenn man alles fußläufig erreichen kann“, sagt er.

Richtig auftanken könne er aber in seinem Revier bei Groß Heins: „Ich bin jetzt seit fast zehn Jahren Rentner, seitdem bin ich an sechs Tagen die Woche je vier Stunden hier im Wald.“ Die Jagd hat in seiner Familie Tradition. Schon sein Vater war Jäger, auch seine Mutter stammte aus einem Jägerhaushalt. „Aber damals war es noch nicht üblich, dass Frauen den Jagdschein machen. Das hat sich ja glücklicherweise heute geändert“, sagt Luttmann. Bereits als Kind saß er gerne mit auf dem Hochsitz.

Was Luttmann auszeichnet, so sagen es seine Mitstreiter, sei eine Kombination aus jagdlichem Können und Verhandlungsgeschick. Als langjähriger Betriebsratsvorsitzender einer international agierenden Firma habe er gelernt, mit ganz unterschiedlichen Menschen umzugehen, berichtet er. Als Maschinenbauingenieur lebte er zudem ein Jahr in Litauen, um dort eine Fabrik aufzubauen. Verlässlich, fair im Umgang, hart in der Sache – so beschreibt man seinen Stil, mit dem er sich auch für die Interessen der Jagdkollegen eingesetzt hat.

Ein wichtiger Schwerpunkt lag für ihn im Einsatz für den Erhalt von Lebensräumen im Landkreis Verden. Gemeinsam mit Grundbesitzern hat er im Laufe der Jahre unzählige Biotope geschaffen – vom Blühstreifen bis zum Teich -, um Bienen, Lurchen und vielen anderen Tieren bessere Lebensbedingungen zu bieten. „Wer das Große erreichen will, der darf sich für die kleine Kreatur nicht zu schade sein“, sagt Luttmann. 

Finanziell abgesichert wurden viele dieser Maßnahmen über den Verdener Hegefonds, aus dem seit Jahren regionale Naturschutzprojekte gefördert werden. Nach Aussagen von Weggefährten war Luttmann dabei treibende Kraft. DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke würdigte ihn beim Abschied mit den Worten: „Luttmann wusste immer, wo Geld für die Projekte in Fördertöpfen zu bekommen war, wo andere die Programme noch gar nicht kannten.“

Besonders am Herzen liegen ihm bis heute die Waldjugendspiele, die er einst als stellvertretender Vorsitzender erstmals durch die Jägerschaft organisierte. Sie sind Luttmanns „Baby“ – und obwohl er seine Ämter niedergelegt hat, will er diese Aufgabe nicht abgeben. „Mindestens, bis meine Enkel wenigstens einmal mit dabei waren, mache ich das“, sagt er und lächelt.

Als Höhe- und zugleich Tiefpunkt seiner Amtszeit bezeichnet Luttmann den Gewinn des Deutschen Engagementpreises 2024. Positiv sei die große Wertschätzung gewesen, die ihm und seinen Mitstreitern entgegengebracht wurde. „So eine Anerkennung, das ist natürlich schon toll“, sagt er nachdenklich und blickt ins frische Grün seines Reviers.

Doch im Vorfeld der Auszeichnung und auch danach habe es heftige Anfeindungen gegeben. Im Internet sei nach seinen Worten eine regelrechte Schmutzkampagne gegen die Jäger gelaufen. Vorurteile, Hasskommentare und Beleidigungen hätten in den vergangenen Jahren ohnehin deutlich zugenommen. „Mörder, Heuchler, blutige Lodenjackenträger. Das sind nur einige der Namen, die man uns gibt“, berichtet Luttmann. Das gehe nicht spurlos an einem vorbei. „Aber die meisten Menschen, die diese Anschuldigungen machen, die sind einfach mit sich und der Welt unzufrieden. Meistens habe ich mit denen einfach Mitleid.“ In der Zeit rund um die Preisverleihung seien die Angriffe aber so massiv gewesen, dass Grenzen überschritten wurden. „Während dieser Phase hatte ich zeitweise sogar Angst, dass die hierherkommen und uns sabotieren. Angesägte Hochsitze, das wäre natürlich viel schlimmer als Kraftausdrücke.“

Zu seiner Aufgabe als Jäger hat Luttmann eine klare Haltung. „Unsere Gesellschaft lebt von der nachhaltigen Nutzung der Natur. Dieser verdanken wir unseren Wohlstand“, sagt er. Heute lebe man nicht mehr in einer Naturlandschaft, sondern in einer Kulturlandschaft. Das habe zu Gewinnern und Verlierern unter den Arten geführt – Gewinner seien etwa Beutegreifer oder Schalenwild, Verlierer zum Beispiel Bodenbrüter. „Ich sehe es als die Pflicht des Menschen, der diese Veränderung herbeigeführt hat, das zu regulieren. Meint: Wir müssen die Arten, die unter der Veränderung leiden, unterstützen und schützen, und die Profiteure einregulieren, entnehmen, also töten.“ Luttmann schämt sich nicht dafür, Tiere zu erlegen – vom Rehbock bis zum Waschbär hat er zahlreiche Stücke Wild geschossen. Für ihn gehören Jagd und Lebensraumschutz zusammen. Dass er sich über Jahre sowohl um die
Regulierung von Beständen als auch um die Schaffung neuer Lebensräume gekümmert hat, ist für ihn kein Widerspruch, sondern Ausdruck desselben Verantwortungsverständnisses.

19 Jahre lang stand Luttmann an der Spitze der Kreisjägerschaft Verden. „Die 20 vollzukriegen, das war nie ein Ziel für mich“, sagt er. Er habe früh gewusst, dass er mit 70 Jahren nicht mehr „in der ersten Reihe“ stehen wolle. „Ich habe in meinem Leben so viele Menschen gesehen, die einen richtig guten Job gemacht haben, aber dann nicht wussten, wann es Zeit war, aufzuhören.“ Mit der Staffelstab-Übergabe an Antje Dahlweg will er den Weg für eine neue Generation an der Verbandsspitze freimachen. Ganz zurückziehen wird sich Luttmann jedoch nicht. Er will sein Hintergrundwissen weiterhin zur Verfügung stellen und sich im Prädatorenmanagement sowie rund um das Thema „Allervielfalt“ einbringen – und natürlich seine Waldjugendspiele weiter betreuen. Dass er jetzt noch mehr Zeit hat, die er hier an seiner Jagdhütte verbringen kann, mache ihn glücklich.
REIKE RACZKOWSKI