VAZ 17.3.26: „Jäger sein ist eine Haltung“

Antje Dahlweg ist die erste Frau an der Spitze der Kreisjägerschaft Verden

Als erste Frau stand Antje Dahlweg an der Spitze des Hegerings Achim, jetzt ist sie die Vorsitzende der Kreisjägerschaft. © Leipold

Achim – Sie ist im Landkreis Verden die erste Frau an der Spitze, erst als Vorsitzende des Hegering Achims, jetzt als Vorsitzende der Kreisjägerschaft Verden. Manch ein Jäger konnte sich vor dreieinhalb Jahren eine Frau in dieser Position nicht vorstellen: Was sie ihnen erzählen wolle, sei sie gefragt worden. „Sie vertritt eure Interessen“, war Antje Dahlwegs Antwort. „Das kann Mann wie Frau.“ Sie habe als Frau einen anderen Tenor hineinbringen wollen, habe zeigen wollen, dass die Jägerschaft nicht so „verstaubt“ sei, wie es von außen scheinen mag.

Das ist Dahlweg gelungen. Mit der Rehkitzrettung und durch den Einsatz während des Hochwassers ist die Jägerschaft ihrer Ansicht nach zu einemPartner der Gemeinden geworden. „Sie kannten uns vorher gar nicht, kannten unsere Strukturen nicht. Jetzt bitten sie auch uns um Rat und stellen uns Verständnisfragen“, sagt sie. „Das zeigt, dass uns vertraut wird und die Gemeinden Wert auf unsere Unterstützung legen.“ Unter anderem war der Hegering maßgeblich am Hochwasserkonzept der Stadt Achim beteiligt, sodass den Tieren im Falle eines weiteren Hochwassers besser geholfen werden könne. Zu sehen, wie damals ein Rehwild vor Erschöpfung zusammengebrochen und liegengeblieben ist, habe sie „sehr bewegt“. „Man hat gesehen, dass manche kein Verständnis haben, den Tieren Raum zu geben.“ Diesen fehlenden Bezug zur Natur und die Rücksichtslosigkeit der Menschen findet sie bedauerlich.

Innerhalb des Hegerings hat sie mit Unterstützung des Vorstandskollegen neue Angebote geschaffen, um das Vereinsleben zu stärken: Kochkurse, Workshops, Erste Hilfe am Jagdhund, professionelles Zerlegen von Wild. „Das haben alle gut angenommen“, ist sie zufrieden mit der Resonanz. „Wir machen viele tolle Sachen mit viel Herzblut.“ Als sie in Achim ihr Amt antrat, habe sie eine Mitgliederbefragung gemacht, um zu sehen, was sich diese wünschen. „Das ist mir ein wichtiger Punkt: die Mitglieder mitzunehmen und nicht zu überfordern.“

Die 55-Jährige ist mit der Jagd aufgewachsen. Als Mädchen hat sie das Jagdhornspielen gelernt. 2017 hat sie ihren Jagdschein gemacht. „Jäger sein ist eine Haltung, kein Hobby“, sagt sie bestimmt. Jäger sieht sie in der Rolle als „Anwälte der Wildtiere“. „Das Wissen um Fauna und Flora, wie die Natur hier vor Ort funktioniert, ist mir wichtig.“ Draußen sein, auf dem Hochsitz, durch das Fernglas sehen: „Das Beobachten der Tiere ist eine große Freude“, sagt Dahlweg. Es seien die kleinen Dinge, die sie dabei faszinieren: eine Spinne, wie sie ein Netz spinnt, Hasen, die über das Feld jagen, die Kitze zu sehen.

Die Jagd bestehe bei weitem nicht nur aus Schießen, betont sie. Es gehöre das Wissen um die Jagdhundrassen und -ausbildung dazu, das Wissen um die heimische Tierwelt, deren Lebensraum und Nahrungsgrundlagen. Das betonte sie auch bei ihrer Antrittsrede: „Jagd ist Verantwortung für Wildtiere, für deren Lebensräume, für Biodiversität und für ein funktionierendes Miteinander von Mensch, Natur und Landnutzung.“

Die Arbeit im Hegering Achim habe ihr Spaß gemacht, sie habe viel erreichen können. Mehrere Monate habe sie überlegt, ob sie den Vorsitz von Jürgen Luttmann übernehmen solle, der 19 Jahre lang die Kreisjägerschaft angeführt hat. „Man sammelt nicht nur Lorbeeren, man steht auch heftig in der Kritik“, weiß sie. „Ich hoffe, dass ich ein bisschen Gutes beitragen kann. Dass ich das, was ich in Achim getan habe, auch in Verden tun kann.“

Drei Tage in der Woche arbeitet sie in einer Spedition in der Logistik. Daher werde sie die Aufgaben im Vorstand verteilen, erklärt sie. „Dadurch wurden viele neue Obleute benannt, die bewusst nach Kenntnissen und Fähigkeiten ausgewählt sind. Wir haben ein tolles Team im Vorstand.“ Sie möchte die Maßnahmen in der Hege weiterentwickeln, die Luttmann angestoßen hat, und nah an den wissenschaftlichen Veränderungen und technischen Möglichkeiten bleiben. „Jagdliche Kompetenz in der Zukunft entsteht aus dem Zusammenspiel von Tradition, Wissenschaft und modernster Technologie. Einsatz von Nachtsichttechniken und Drohnen ebenso wie Wildtiererfassung und datenbasierte Analysen“, sagte sie in ihrer Rede. „Die jagdliche Kompetenz der Zukunft liegt daher im Gleichgewicht: zwischen Erfahrungsschatz und Datenanalyse, zwischen überliefertem Wissen und Wissenschaft, zwischen Tradition und Innovation.“
ANNE LEIPOLD